Geschichte der DGV

Zur Quellenlage

Eine Vereinsgeschichte, die auf umfassender Quellenkenntnis beruht und die soziopolitischen und historischen Kontexte detailliert reflektiert, ist bislang noch nicht geschrieben worden. Dies liegt zu einem Großteil sicher auch daran, dass die Quellenlage bis vor kurzem sehr unübersichtlich war. Die Vorstände und Tätigkeitsorte der Gesellschaft wechseln in der Regel alle zwei bis vier Jahre, so dass viele Unterlagen - zum Teil bis heute - in den jeweiligen Archiven der Universitätsinstitute und Museen zu vermuten sind, an denen die DGV-Vorstände tätig waren.

Erst ab Oktober 2009 wurde ein ständiges Archiv am Frobenius-Institut in Frankfurt am Main eingerichtet. Seit 2010/2011 konnten dann korrekte Übersichten über die Amtszeiten und Vorstandsmitglieder in der Geschichte der DGV erstellt werden. Bis heute fehlen jedoch noch immer Akten, insbesondere aus der Zeit des Nationalsozialismus. Eine professionelle Aufarbeitung der bisher nur kursorisch erfassten Archivbestände konnte aus Kostengründen noch nicht durchgeführt werden.

Vorstände, Beiräte und Tagungsorte seit 1929

Besuche im DGV-Archiv in Frankfurt am Main können nach Rücksprache mit Richard Kuba vorgenommen werden.

 

1929 bis 1945

Die DGV wurde als Gesellschaft für Völkerkunde am 1.10.1929 auf der konstituierenden Sitzung in Leipzig auf Initiative und unter Führung des Leipziger Museumsdirektors Fritz Krause gegründet. Man wollte der Notwendigkeit eines überregionalen Fachverbandes nachkommen und zugleich die Ethnologie als eigenständiges Fach etablieren. Der Verein hatte von Anfang an eine sehr internationale Mitgliederschaft, zu der bis mindestens 1934 z.B. auch Edward Evans-Pritchard gehörte.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten scheinen die Aktivitäten der Gesellschaft mehr und mehr abgenommen zu haben. Die letzte Tagung inklusive Mitgliederversammlung fand 1936 statt, danach beschränkte sich die Tätigkeit der Gesellschaft offenbar auf die Herausgabe ihrer "Mitteilungsblätter", in denen nun nur noch Fachartikel und keine Vereinsangelegenheiten mehr veröffentlicht wurden. 1940 kam es zu einer "Arbeitszusammenkunft" deutscher Ethnologen außerhalb der DGV unter Anwesenheit von Vertretern des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und des Nationalsozialistischen Dozentenbundes, aber auch des seit 1936 amtierenden DGV-Vorsitzenden Franz Termer. Besprochen wurde die Zukunft der Völkerkunde unter kolonialpolitischen Vorzeichen. Man beschloss, die DGV aufzulösen oder umzuformieren und einen "Deutschen Ethnologentag" zu gründen. Zur formalen Umsetzung dieser Pläne ist es jedoch aufgrund des sich ausweitenden Krieges nie gekommen.

 

Rolf Herzog: Die ersten zwanzig Jahre der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde 1929-49, in: DGV-Mitteilungen 11 (1982), S. 3-9

 

1946 bis heute

1946 trafen sich auf Einladung Franz Termers deutsche Ethnologen zur Bestandsaufnahme nach dem Krieg in Frankfurt am Main. Auf dieser Tagung wurde explizit eine pazifistische, humanistische und auf Völkerverständigung bedachte Neuorientierung formuliert.

Bericht über die Tagung in Frankfurt am Main 1946

Die in diesem Bericht enthaltene "Öffentliche Erklärung der in Frankfurt a. Main vom 19. - 21. September 1946 versammelten deutschen Ethnologen" wurde auch als "Manifesto" für die internationalen Kollegen auf Englisch verfasst:

Englisches Manifest der Frankfurter Ethnologenversammlung 1946

1946 beschloss man ferner, die formale Wiederaufnahme der ruhenden Gesellschaft beim Alliierten Kontrollrat zu beantragen. Es sind keine Akten bekannt, die Auskunft über dessen Entscheidung geben könnten. 1946 wurde Franz Termer zum kommissarischen Vorsitzenden bis zur formalen Wiederaufnahme der Gesellschaft gewählt. Auf der Tagung 1947 in Hamburg wurde er wiedergewählt, jedoch schweigt das Protokoll dazu, wie der formale Status der Gesellschaft und des Vorsitzenden war.  (vgl. Berichte der Tagungen 1946 und 1947 in: Zeitschrift für Ethnologie 75 (1950), S. 108-114)

Erst 1949 in Mainz, als die Bundesrepublik gegründet und die Zustimmung der Alliierten nicht mehr nötig war, wählte man den ersten kompletten und wahrscheinlich formal ordentlichen Vorstand der Nachkriegszeit unter Vorsitz des Frankfurter Adolf Ellegard Jensen.

Jensen gehörte zu den Ethnologen, die unter dem NS-Regime ihre Stelle verloren hatten und somit in der Nachkriegszeit als politisch "unbedenklich" galten. Personelle Kontinuitäten zur NS-Zeit blieben in der Vereinsarbeit der DGV jedoch durchaus bestehen. Eine direkte Auseinandersetzung mit der Rolle des Fachs und des Vereins im Nationalsozialismus fand erst viel später ab den 1980er Jahren statt.

Als wichtiger Einschnitt in der Geschichte der DGV ist weiterhin die Göttinger Tagung 1969 zu nennen, auf der die etablierten Fachvertreter eine nachhaltige Erschütterung durch selbstbewusste und provokante studentische Aktivitäten und Initiativen erfuhren, die ab den 1970er Jahren zu einer nachholenden inhaltlichen Modernisierung führten.

Mit der Wiedervereinigung 1990 expandierte das Fach Ethnologie in ganz Deutschland. Für die DGV ergaben sich nun neue konkrete Fragen, z.B. inwiefern ein Fachverband in die Umgestaltung der ostdeutschen Universitätslandschaft eingreifen oder wie man mit politisch belasteten ostdeutschen Kollegen umgehen solle.

In der jüngeren Vergangenheit spielten Diskussionen um verbindliche Ethikrichtlinien eine große Rolle (vgl. die Frankfurter Ethikerklärung 2008) und immer wieder wurde eine Namensänderung in "Deutsche Gesellschaft für Ethnologie" gewünscht, die bislang aber beständig an formalen Hürden scheiterte.

 

Im Laufe der Jahre wurde vielen verdienstvollen Personen die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Aktuell hat die DGV folgende Ehrenmitglieder:

Ursula Far-Hollender

Hans Fischer

Peter Fuchs

Ulla Johansen

Mark Münzel

Helga Rammow

Erhard Schlesier

Gerd Spittler

Josef Franz Thiel

 

Auf dem „Video Portal for the History of German Anthopology post 1945” lassen sich Interviews mit deutschen Ethnologen und Ethnologinnen einsehen, die die Geschichte der DGV in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt haben.