Was ist Ethnologie?

Was ist Ethnologie?

Die Ethnologie befasst sich mit der Vielfalt menschlicher Lebensweisen aus einer primär gegenwartsbezogenen Perspektive. Die Gegenstandsbereiche der Disziplin sind entsprechend breit gefächert: sie umfassen die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Organisationsformen sowie die Norm- und Wertsysteme, die menschliches Handeln motivieren. Gleichzeitig beleuchten Ethnolog_innnen, wie dieses Handeln gesellschaftliche Strukturen und die diesen zugrunde liegenden „kulturellen Logiken“ modifiziert.

Das Fach Ethnologie nähert sich seinen Themen in lokal verdichteter Weise und aus der emischen Perspektive an. Das heißt, Ethnolog_innen erforschen die unterschiedlichen Modalitäten menschlichen Handelns und Denkens in spezifischen Lokalitäten und zeigen auf, wie Menschen selbst die Welt um sie herum sowie ihr Handeln im Alltag wahrnehmen und erklären. Der Fokus liegt dabei ebenso auf der Rolle von Ideen, Symbolen, Sprache(n), Praktiken und Objekten, wie auf den größeren politischen, wirtschaftlichen und religiösen Zusammenhängen, die das soziale und kulturelle Miteinander gestalten.

Ethnologische Forschungen sind in der Regel langfristig angelegt und Ethnolog_innen suchen ihre Forschungsorte oftmals über Jahre hinweg immer wieder auf. Mit Hilfe partizipativer Methoden werden Menschen und Gruppen selbst aktiv in die Formulierung der Forschungsfragen und die Forschungsdurchführung einbezogen. Diese Forschungsansätze sowie die dichte Teilnahme an den Handlungen und Abläufen des Alltags sind eng mit dem Aufbau von Vertrauensverhältnissen verbunden: eine unverzichtbare Voraussetzung für das tiefe Verständnis lokaler Lebenssituationen sowie individueller und gesellschaftlicher Wertvorstellungen.

Der empirisch fundierte Einblick in spezifische Lebenswelten in einer zunehmend mobilen und vernetzten Welt ermöglicht eine vergleichende Analyse der Verflechtungen lokaler Ideen und Handlungsweisen mit überregionalen und globalen Prozessen. Des Weiteren rücken heute unweigerlich auch „westliche“ Gesellschaften in den Blick ethnologischer Forschung: In einer postkolonialen Weltordnung ist es zunehmend schwierig, eindeutig festzulegen, was das – vermeintlich – Bekannte und Vertraute an den Orten ethnologischer Forschungen ist. Die Frage, aus welcher Position heraus Ethnolog_innen, die an Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit tätig sind, ihre „verfremdende Perspektive“ auf einen bestimmten Untersuchungsgegenstand einnehmen, ist somit notwendigerweise Gegenstand einer kontinuierlichen (selbst)kritischen Reflexion.

Während sich das Fach Ethnologie in Deutschland ursprünglich als „Völkerkunde“ etablierte, tragen mittlerweile alle Institute und Forschungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum „Ethnologie“ bzw. „Sozialanthropologie“ und/oder „Kulturanthropologie“ im Namen. Ethnologie (ethnos – altgriechisch: Volk) stellt dabei begrifflich die Untersuchung und den Vergleich unterschiedlicher (ethnischer) Gruppen in den Vordergrund, während die Bezeichnungen „Sozial“- und „Kulturanthropologie“ die Erforschung des Menschen (altgriechisch: anthropos) in seinen sozialen und kulturellen Bezügen akzentuieren. Über diese unterschiedlichen Bezeichnungen hinaus sind die thematischen und methodischen Herangehensweisen ethnologischer bzw. sozial- und kulturanthropologischer Forschung jedoch im Wesentlichen die gleichen.

Zurück zur Startseite